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Karolin Horchler ist Biathletin und weiß genau, dass Sport am Ende vor allem Kopfsache ist.

Es gibt immer diesen einen Punkt, auf jeder Strecke. Karolin Horchler sucht ihn sich immer bevor es losgeht. Das kann eine Bandenwerbung sein oder eine Markierung. Für Karolin Horchler ist dieser Punkt ein Zeichen: für den Wechsel im Kopf. Vom Laufen zum Schießen. Der Puls ist bei 170. Sie versucht erst gar nicht, den Puls herunterzubekommen, das würde nicht gehen. Es geht darum, die Konzentration zu finden, in den Tunnelblick zu kommen. „In dem Moment bin ich da voll drin“, sagt sie. Auf Scheiben schießen bei Puls 170. Wo jeder Treffer zählt.

Karolin Horchler ist Biathletin. Sie sagt: „Biathlon ist Kopfsache“. Und sie muss es wissen. Nicht nur weil sie schon lange dabei ist, weil sie die Momente kennt, in denen Millimeter entscheiden. Sondern auch weil sie die Rückschläge kennt. Wenn der Schuss vorbeigeht, wenn die Beine nicht mehr mitmachen. Oder wie zuletzt: Wenn eine Verletzung eine ganze Saison zur Pause zwingt.

Ein Leben für den Sport

Die 32-Jährige kommt ursprünglich aus Nordhessen, begann ihre Karriere beim SC Willingen, zusammen mit ihrer Schwester Nadine und ihrer Zwillingsschwester Kristin. Ihr jüngerer Bruder Adrian ist aktiver Mountainbiker. Karolin Horchler lebt inzwischen in Ruhpolding im bayerischen Chiemgau. Dort wo die Voralpen zu echten Bergen werden. Dort wo ein Leistungszentrum und Olympiastützpunkt des Nordischen Skisports steht. Hier findet jährlich der Biathlon-Weltcup statt. Und als 2012 bereits zum vierten Mal die Biathlon-Weltmeisterschaften stattfanden, kamen über die Tage verteilt 240.000 Zuschauern in die Chiemgau Arena.

Karolin Horchler kommt fast jeden Tag zum Training her. Laufen auf Rollern, solange noch kein Schnee liegt, Schießtraining, getrennt und beides zusammen, das sogenannte Komplextraining. 500 bis 600 Stunden läuft jeder Athlet von Mai bis zum Saisonstart im November, rund 12.000 Schuss gibt jeder pro Saison ab. Und am Ende entscheiden diese drei, vier Schüsse, die im falschen Moment daneben gehen.

Harte Arbeit für das Comeback

Für Karolin Horchler beginnt jetzt eine besondere Saison, die Comeback-Saison. Seit sie 18 Jahre ist, ist sie dabei. Und sie weiß, dass ihre Karriere langsam dem Ende zugeht. „Natürlich kommt mit dem Alter öfter die Frage. Ist das noch der richtige Weg?“ Aber sie will es nochmal wissen. Vor allem weil sie letzte Saison komplett verpasste. Ein Rippenbruch, den sie zu spät bemerkte, und von dem sie bis heute nicht genau weiß, wie er zustande kam. Eine Überlastung, vermutlich.

Sie fing zunächst zu früh wieder an. Die Folge: das komplette Saison-Aus. Nun muss sie sich zurückkämpfen. Ein Weg mit Hindernissen. Die Deutschen Meisterschaften am Arbersee waren so etwas wie der erste Gradmesser. Da wurde sie Siebte, für sie eine erste Enttäuschung. Schneller war nur die Siegerin Denise Herrmann, aber Horchler schoss zu oft daneben. Fehlendes Training oder Kopfsache, schwierig das zu sagen. „Das kann immer mal passieren“, sagt sie. „Das ist ja nur menschlich, dass es auch mal nicht funktioniert. Dann die große Enttäuschung: Für den Weltcup-Kader wurde sie im letzten Moment nicht nominiert. Während am 26. November der Weltcup im schwedischen Östersund startet, muss Karo Horchler im zweitklassigen IBU-Cup im Idre Fjäll antreten.

Vor der Verletzung feierte Karo Horchler ihren größten Erfolg: Silber mit der Staffel bei den Weltmeisterschaften 2020. In den Einzelbewertungen hatte sie immer mal wieder Top-5- und Top-10-Platzierungen. Ganz vorne dabei war sie bis jetzt noch nie, auch wenn der große, alles überstrahlende Erfolg immer noch drin ist. Natürlich ist das ein Ziel. Und natürlich ist es eine Herausforderung, immer motiviert zu bleiben, immer konzentriert, gerade wenn es nicht um das ganze große Rampenlicht geht, um die großen Pokale und Medaillen.

Heute lässt sie häufig ihren Körper entscheiden

Karolin Horchler gibt sich entspannt. Die Verletzung habe sie gelassener gemacht, selbstbewusster. Gemeinsam mit einer Mentaltrainerin aus ihrer alten Heimat Nordhessen, mit der sie bereits seit zehn Jahren zusammenarbeitet, hat sie einen Zugang zur Auszeit gefunden. „Heute betrachte ich das als Geschenk“, sagt sie. Ihre Lebenseinstellung war schon immer, das Positive zu sehen. „Seit ich 18 war, war alles immer gleich, immer die gleiche Routine.“ Die Verletzung sah sie als Zeichen des Körpers, als Gelegenheit, etwas anders zu machen. „Heute gibt es immer häufiger Situationen, wo ich weniger auf meinen Trainingsplan gucke, sondern stärker auf meinen Körper höre“, sagt sie. Sie entscheidet stärker selbst, was sie will und was ihr gut tut.

Warum soll sie fünf Stunden trainieren, wenn es regnet? Nur weil es der Plan so vorsieht. Also trainiert sie lieber weniger, und am nächsten Tag dann mehr. Das hat ihr neues Selbstbewusstsein gegeben. Selbstbewusstsein, das man im Biathlon braucht. Wenn es wirklich darauf ankommt. Beim Überholen auf der Strecke oder beim Showdown: am Schießstand.

Die persönliche Konzentrations-Methode finden

Die Konzentration lernt jeder Athlet anders, ein festes Schema, eine Anleitung für den Tunnelblick gibt es nicht. Karolin Horchler tat sich schwer, als sie aus der Jugend kam und plötzlich Zuschauer im Hintergrund lärmten. „Manche versuchen, das auszublenden. Meine Mentaltrainerin gab mir den Tipp, das zuzulassen“, sagt sie. Alles aufzunehmen, bewusst in der Situation zu sein, mit all ihren Widrigkeiten. Und sich dann zu konzentrieren. Jede Ablenkung vermeiden. Zwei Mal tief einatmen, um runterzukommen, zumindest ein bisschen.

All das trainieren sie hundertfach im Training und doch ist jedes Rennen anders. Alleine der Wind macht einen Unterschied, er bestimmt zum Beispiel, wie schnell die Biathleten hintereinander ihre Schüsse absetzen, und ob sie dann ein oder zwei Mal zwischen den Schüssen atmen. Die Saison beginnt jetzt, wenn auch nur im IBU-Cup. Sport ist Sport, Herausforderung bleibt Herausforderung. Die Kilometer sind in den Beinen, die Schüsse geschossen, der Rest ist jetzt einmal mehr Kopfsache.

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