Rundum-Schutz
Ein Torbogen im Zielbereich, eine Hüpfburg am Streckenrand, ein Moment voller Bewegung, Gemeinschaft und Emotionen: Bei Running-Veranstaltungen begleiten Aufbauten und Eventelemente unzählige persönliche Geschichten. Doch was passiert mit diesen Materialien, wenn sie ihren ursprünglichen Zweck erfüllt haben?
Für die Generali Deutschland AG endet ihr Einsatz nicht mit dem letzten Zieleinlauf. Nach der Nutzung ist vor der Nutzung: Gemeinsam mit dem Hamburger Upcycling-Label Bridge & Tunnel werden ehemalige Eventmaterialien zu Alltagsbegleitern wie Taschen weiterverarbeitet. So entstehen individuelle Produkte, die ihre Geschichte in neuer Form weitererzählen.
Das Wichtigste in Kürze
- Aus ehemaligen Eventmaterialien wie Torbögen entstehen neue Alltagsprodukte.
- Gemeinsam mit Bridge&Tunnel verbindet die Generali Deutschland AG die Weiterverwendung von Eventmaterialien mit einem sozialen Beschäftigungsansatz.
- Produziert wird in Hamburg gemeinsam mit Frauen mit Flucht- oder Migrationserfahrung – jedes Stück ist ein Unikat.
Hinter der Umsetzung steht das Hamburger Unternehmen Bridge&Tunnel, gegründet von Charlotte Erhorn und Conny Klotz. Der Name verweist auf den Standort im Stadtteil Wilhelmsburg, der auf einer Elbinsel liegt und über zahlreiche Brücken sowie den Alten Elbtunnel erreichbar ist. Zugleich steht er sinnbildlich für die Idee, Brücken in den Arbeitsmarkt zu bauen.
Mit seinen Upcycling-Projekten verbindet das Unternehmen ökologische und gesellschaftliche Aspekte. Zum Einsatz kommen sogenannte Post- und Pre-Consumer-Materialien – also Textilien, die bereits genutzt wurden oder ohne eine neue Verwendung im Abfall gelandet wären.
Für das Generali-Projekt dienten vier ehemalige Event-Torbögen als Grundlage. Rund 90 Prozent ihres Materials ließen sich für die neuen Produkte nutzen. Ungeeignet waren vor allem verschmutzte Randbereiche, Ösen, Befestigungselemente, Sponsorenleisten und Partien mit nicht ausreichender Materialqualität. Das Außenmaterial der daraus entstandenen Produkte stammt vollständig aus diesen Torbögen; neu hinzu kommen lediglich Reißverschlüsse und Zipper.
Gleichzeitig schafft Bridge&Tunnel Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen mit Flucht- oder Migrationserfahrung und fördert ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt durch handwerkliche Tätigkeiten. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 13 Mitarbeiterinnen. In der Manufaktur arbeiten ausschließlich Frauen. Alle Mitarbeiterinnen sind sozialversicherungspflichtig bei Bridge&Tunnel beschäftigt und werden über dem gesetzlichen Mindestlohn vergütet. Die gezielte Beschäftigung und Qualifizierung von Frauen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt ist Teil des sozialen Konzepts von Bridge&Tunnel.
Im Mittelpunkt steht ein einfacher Gedanke: Talent zählt mehr als formale Abschlüsse. Seit 2016 produziert das Team in Hamburg gemeinsam mit Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und schafft so nicht nur neue Produkte, sondern auch Perspektiven. Die Mitarbeiterinnen übernehmen sämtliche Fertigungsschritte – von der Materialvorbereitung über den Zuschnitt bis zur Konfektion der Produkte. Neue Kolleginnen werden intern eingearbeitet und kontinuierlich qualifiziert. Gemeinsam mit dem Verein We Design Society bietet Bridge&Tunnel darüber hinaus zusätzliche Bildungs- und Weiterbildungsangebote an. Die Wirkung dokumentiert das Unternehmen im Rahmen des Social Reporting Standards.
Wir geben Materialien ein zweites Leben und unterstützen ein Projekt, das Frauen Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten bietet.
Franziska Eder
Head of Sustainability Generali Deutschland
Die Arbeit mit wiederverwendeten Materialien bringt besondere Herausforderungen mit sich. Anders als in einer klassischen Serienproduktion gleicht kein Stück dem anderen. Gebrauchsspuren, Materialbeschaffenheit und individuelle Eigenschaften prägen jedes Produkt und machen jedes Exemplar zu einem Unikat.
Gerade darin liegt auch der besondere Reiz: Was zuvor Teil einer Veranstaltung war, bekommt eine neue Funktion und erzählt seine Geschichte weiter. Aus einem ehemaligen Eventmaterial wird ein nützlicher und stylisher Alltagsgegenstand – so entstehen aus vermeintlichem Restmaterial neue Werte.
Generali Deutschland AG: Was hat euch damals inspiriert, dieses Projekt/Unternehmen ins Leben zu rufen? Gab es einen Schlüsselmoment?
Connz Klotz: Bridge&Tunnel ist aus einer klaren Beobachtung entstanden: Es gibt enormes handwerkliches Können, das auf dem Arbeitsmarkt oft unsichtbar bleibt – und gleichzeitig eine Industrie, die wertvolle Materialien entsorgt. Der Schlüsselmoment war die Verbindung dieser beiden Realitäten. Wir wollen zeigen, dass Arbeit Teilhabe schafft – und dass Design ein Werkzeug dafür sein kann. Seit 2016 verhelfen wir deshalb mit Bridge&Tunnel wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in style und talentierten Frauen aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung.
Ist die Bestimmung eines Produkts schon im Material angelegt oder wird sie erst durch das Weiterdenken und die neue Verarbeitung bestimmt?
Das Material bringt eine Geschichte mit – Gebrauchsspuren, Qualität, manchmal auch eine klare Funktion. Aber die eigentliche Bestimmung entsteht erst durch den Entwurf. Upcycling heißt für uns: nicht nur erhalten, sondern transformieren. Wir lesen das Material und denken es weiter, indem wir überlegen, wofür es sich sinnvoll nutzen lässt und wie seine besondere Optik dabei bestmöglich zur Geltung kommt. Erst in diesem Prozess entsteht ein Produkt, das sowohl funktional als auch gestalterisch überzeugt.
Was macht ein Produkt für dich besonders?
Ein Produkt ist dann besonders, wenn es mehr kann als nur gut aussehen. Wenn Herkunft, Verarbeitung und Nutzung zusammenpassen. Wenn klar ist, woher das Material kommt, wer daran gearbeitet hat und warum es genau so gestaltet wurde. Diese Transparenz macht aus einem Gegenstand ein Statement.
Wie viel Zeit und Handarbeit steckt in so einer kleinen Tasche? Gab es etwas beim Material oder im Herstellungsprozess eurer Produkte, das euch besonders überrascht hat?
Auch kleine Produkte sind aufwendig. Jede Tasche beginnt mit der Auswahl und dem Zuschnitt – oft von Hand, weil jedes Material anders ist. Danach folgen mehrere Verarbeitungsschritte, die Präzision erfordern. Serienproduktion gibt es bei uns nicht im klassischen Sinn.
Überraschend ist immer wieder, wie unterschiedlich Materialien reagieren. Gerade bei pre-loved Denim, das wir oft verarbeiten, merkt man, wie viel ein Stoff schon erlebt hat. Manche Stellen sind weicher, andere fester, manche robuster als erwartet. Genau das macht unsere Arbeit so lebendig – und sorgt dafür, dass am Ende wirklich jedes Stück ein Unikat ist.
Wo liegen aus deiner Sicht die größten Herausforderungen für Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit und was würdest du allgemein empfehlen?
Nachhaltigkeit wird oft als Zusatz gedacht – dabei gehört sie ins Zentrum. Die Herausforderung ist, ehrlich hinzuschauen: Wo entstehen Ressourcenverbrauch, wo wird ausgelagert, wo kann man Verantwortung übernehmen?
Unser Eindruck: Es braucht nicht sofort die perfekte Lösung. Aber es braucht den Willen, Dinge anders zu machen – Schritt für Schritt, aber konsequent. Und es hilft, transparent zu sein. Nicht alles ist von Anfang an rund, aber genau das darf sichtbar sein.
Das Projekt zeigt, dass Nachhaltigkeit nicht immer mit großen technologischen Innovationen beginnen muss. Oft entsteht Wirkung dort, wo bestehende Ressourcen einen neuen Nutzen erhalten. Materialien weiterzuverwenden, vorhandene Ressourcen wie die vier ausgedienten Generali-Torbögen länger im Nutzungskreislauf zu halten und gleichzeitig gesellschaftliche Teilhabe zu fördern – genau darin liegt der Ansatz dieser Zusammenarbeit. Ein Beispiel dafür, wie sich ökologische und soziale Verantwortung zusammendenken lassen können.
Du hast Fragen oder Wünsche? Sprich mit einem Experten der Deutschen Vermögensberatung (DVAG).