Rundum-Schutz
Autismus, ADHS und Legasthenie sind die wohl bekanntesten Ausprägungen von Neurodivergenz. Im Arbeitsalltag stehen viele neurodivergente Menschen vor besonderen Herausforderungen: Ein unzureichend angepasstes Arbeitsumfeld und unklare Kommunikation erschweren ihnen oft, ihre individuellen Stärken sichtbar zu machen. Mit welchen Maßnahmen lassen sich diese Stärken fördern? Das erklärt der Experte Florian Malicke. Er begleitet seit fast drei Jahrzehnten neurodivergente Menschen und deren Arbeitgeber. Als Coach, Berater und selbst autistische Person mit ADHS verbindet er professionelle Praxis mit gelebter Erfahrung.
Das Wichtigste in Kürze:
- Neurodivergente Menschen brauchen ein etwas anderes Arbeitsumfeld.
- Akzeptanz ist der erste Schritt, um Potenziale zu entwickeln.
- Von guten Strukturen und klarer Kommunikation profitiert das gesamte Team.
Generali: Herr Malicke, vor welchen Herausforderungen stehen neurodivergente Menschen häufig im Arbeitsalltag?
Florian Malicke: Neurodivergente Menschen stoßen im Arbeitsalltag seltener an fachliche Grenzen als an strukturelle. Typisch sind unklare Erwartungen, hohe und dauerhafte Reizbelastung sowie widersprüchliche Kommunikationsregeln und eine starke Betonung von Präsenz statt von Ergebnissen. Viele Anforderungen bleiben implizit. Dies bedeutet, es wird vorausgesetzt, dass das Gegenüber weiß, wie etwas gemeint ist, ohne dass es gesagt wird. Zusätzlich kann auch Masking nötig sein, um als „passend“ wahrgenommen zu werden. Masking heißt, eigene Bedürfnisse, Reaktionen oder Arbeitsweisen bewusst oder unbewusst zurückzuhalten. Dadurch möchte man möglichst unauffällig und „normal“ wirken. Beides kostet viel Energie, gerade in Umfeldern mit hoher Reizbelastung oder widersprüchlichen sozialen Regeln.
Können Kollegen unterstützen?
Ja, sehr. Vor allem durch Verlässlichkeit, klare Absprachen, nachvollziehbare Prioritäten und die Akzeptanz unterschiedlicher Arbeits- und Kommunikationsstile. Das hilft nicht nur neurodivergenten Menschen. Gute Strukturen machen gute Arbeit für alle leichter. Sie reduzieren Missverständnisse, Stress und unnötige Reibung im Team.
Wie sinnvoll ist es, im Job über Neurodivergenz zu sprechen?
Das hängt stark vom Kontext ab. Über Neurodivergenz zu sprechen ist dann sinnvoll, wenn es nicht zur Rechtfertigung wird. Entscheidend ist die Haltung im Unternehmen. Wird Neurodivergenz als Teil menschlicher Vielfalt verstanden, lassen sich Anpassungen sachlich besprechen. Wird sie als individuelles Problem betrachtet, entsteht zusätzlicher Druck, sich erklären oder beweisen zu müssen.
Was raten Sie Menschen, die sich unsicher sind, ob sie Chefs und Kollegen von ihrer Neurodivergenz erzählen sollen?
Ich rate zu einer nüchternen Abwägung. Es geht nicht um ein persönliches Bekenntnis, sondern um Zweckmäßigkeit. Hilft Offenheit dabei, die Zusammenarbeit konkret zu verbessern? Oft ist es möglich, über Arbeitsbedingungen, Bedürfnisse oder bevorzugte Kommunikationsweisen zu sprechen, ohne Diagnosen offenzulegen. Offenheit wirkt dann entlastend, wenn sie zu mehr Klarheit im Miteinander führt und nicht zur Etikettierung.
Was müsste sich in der Arbeitswelt verändern, damit neurodivergente Menschen ihr Potenzial besser entfalten können?
Es braucht weniger Appelle und mehr Strukturarbeit. Klare Rollen, flexible Arbeits- und Pausenmodelle und Umgebungen mit reduzierten Reizen. Dazu gehören auch kurze, niedrigschwellige Feedbackschleifen. Also Führung, die regelmäßig kurz innehält, nachfragt und bei Bedarf nachjustiert, statt Irritationen lange liegen zu lassen. Entscheidend ist, mit Menschen zu reden, nicht über sie. Und bei Feedback zunächst bei der Beobachtung bleiben – was habe ich konkret wahrgenommen – statt sofort zu bewerten. Das schafft Sicherheit und macht Entwicklung überhaupt erst möglich.
Immer mehr Unternehmen erkennen, dass neurodivergente Mitarbeitende eine wertvolle Bereicherung sein können und stellen sich gezielt auf sie ein. Forschungen belegen, dass gemischte Teams aus neurodivergenten und neurotypischen Mitarbeitenden mehr und bessere Lösungen hervorbringen.
Wenn unterschiedliche Denkweisen zusammenkommen, entsteht nicht nur mehr Verständnis, sondern oft auch bessere Arbeit – Arbeit, die sinnstiftend ist, verbindet und für viele Menschen ein zentraler Teil ihres Lebens bleibt. Umso wichtiger ist es, diese Grundlage abzusichern: Denn sollte die eigene Arbeitsfähigkeit einmal eingeschränkt sein, kann eine Berufsunfähigkeitsversicherung helfen, die gewohnte Lebensqualität finanziell zu schützen und neue Stabilität zu schaffen.
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